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Gastbeitrag: Rückwärtsgewandte Bauplanung am Beispiel Voisweg – das ist nicht nachhaltig!

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  • Beitrag zuletzt geändert am:7. Juli 2021

Dies ist ein Gastbeitrag von Anwohner*innen des Voiswegs in Ratingen-Süd.

Ratingen leistet (sich) zu wenig Klimaschutz. Ein umstrittenes Bauvorhaben am Voisweg zerstört ein intaktes Ökosystem mit höchster biologischer Vielfalt und beachtet keinerlei Aspekte der nachhaltigen Entwicklung. Kann die Stadt Ratingen sich das noch leisten?

Die Fakten:

  • Am Voisweg sollen 34 Eigentumswohnungen im Luxussegment in einem neu zu bauenden Mehrfamilienhaus-Komplex mit Tiefgarage und oberirdischen Parkplätzen entstehen.
  • Dafür werden mehr als 1200 Quadratmeter Fläche neu versiegelt.
  • Das geplante Baugebiet war in den 1980er Jahren im ersten Anlauf des Flächennutzungsplans eine Brache, nach mehr als 40 Jahren ohne menschlichen Eingriff ist es ein hochwertiges Biotop mit Baumbestand und vielen ökologischen Nischen. 2006 wurde das Gebiet einfach aus dem Landschaftsschutzgebiet “herausgeschnitten” und zerstört bei Bebauung einen wichtigen Biotop-Verbund mit dem angrenzenden Schwarzen See und Schwarzbach.
  • Es gibt keine nahegelegene ÖPNV-Anbindung und die vorhandene, schmale Straße ist jetzt schon ein Verkehrs-Nadelöhr und “Schleichweg”, der häufig überlastet ist. Nachhaltige Mobilitätslösungen wie Carsharing, E-Ladesäulen oder eine bessere ÖPNV-Anbindung sind in der Planung nicht vorgesehen.
  • Fakt ist auch: Ratingen braucht Wohnungen. Aber anstatt bestehende, versiegelte Flächen (z.b. leerstehende Büros) in Innenstadtnähe als Wohn-Bebauungsflächen umzunutzen, soll angrenzend an ein Landschaftsschutzgebiet eine wertvolle, naturbelassene Fläche neu versiegelt werden.
  • Aus Sicht der Klimafolgenanpassung ist das Bauvorhaben ebenfalls kritisch zu sehen: Es befindet sich im Hochwasserrisikogebiet, wird bei Starkregenereignissen durch die neu versiegelte Fläche mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit regelmäßig überflutet werden – und bisher gibt es kein Entwässerungskonzept. Bauwässer sollen vermutlich in den Schwarzbach abgeleitet werden, verunreinigen diesen und gefährden die wassertypische Artenvielfalt, was einen nicht zu rechtfertigenden Eingriff in die Natur darstellt.
Blick auf das seit Jahrzehnten unberührte Grundstück mit Baumbestand; außerdem Sicht auf die schmale Straße.

Erst vor wenigen Wochen hat die Stadt Ratingen ihre BürgerInnen vor zunehmend häufiger auftretenden Stark- und Katastrophenregen gewarnt und dazu aufgefordert, eigene Vorsorge- und Schutzmaßnahmen zu ergreifen, wie etwa Rückstau- und Überflutungssicherungsmaßnahmen und den Abschluss von Versicherungen. Denn sie – die Bürgerinnen und Bürger – sind laut städtischer Entwässerungssatzung für die Unterhaltung und Wartung ihrer Grundstücksentwässerung selber verantwortlich.

Während die Stadt Ratingen ihre BürgerInnen zu Eigeninitiative auffordert, ist sie in Sachen Klimaschutz und Klimafolgenanpassung auf beiden Augen blind und plant ungebremst die Versiegelung weiterer Flächen, die maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass Regen nicht mehr ablaufen kann und in Häuser, Keller und Tiefgaragen eindringt.

So zum Beispiel aktuell am Voisweg in Ratingen-Süd, der zwischen dem Schwarzer See und dem Schwarzbach (Hochwasserrisikogebiet) verläuft. Dort plant die Stadt den Bau eines Wohnparks mit insgesamt fünf 3-4 stöckigen Häusern für insgesamt 34 Eigentumswohnungen im Luxussegment. Eine Tiefgarage verbindet drei der fünf Häuser und versiegelt allein darüber eine Fläche von 1.200qm.

Die im Ratsinformationssystem der Stadt Ratingen veröffentlichten Unterlagen zur Bebauungsplanung (Bildquelle: Dr. Schmittmer GmbH & Co Immobilien KG, Krefeld). Grün dargestellt ist die geplante Bebauung. Ersichtlich ist, dass auf dieser Seite des Sees bisher kaum Bebauung vorhanden ist. Das Landschaftsschutzgebiet beginnt direkt an der Grundstücksgrenze (dünne grüne Linie am nördlichen Ende).

Damit nicht genug: Die Fläche rund um den Schwarzen See ist Landschaftsschutzgebiet. Aus ihr wurde 2006 willkürlich ein Teil herausgeschnitten und über eine Änderung des Flächennutzungsplanes in Wohnbaufläche umgewandelt. Dabei handelt sich nicht um eine – wie in der Vorlage der Stadt bezeichnete – Brachfläche, sondern um ein völlig intaktes über viele Jahrzehnte sich quasi selbst überlassenes Ökosystem, das ein Verbundsystem mit dem auf der anderen Seite befindlichen Schwarzbach bildet (Vogel- und Reptilienwechsel), das Ringelnattern, Salamandern und Molchen, Käuzen, dem Eisvogel und vielen anderen Vogelarten ein Zuhause bietet. Die Artenvielfalt ist in diesem Biotopverbund, aus stehenden und fließenden Gewässern und Rückzugsorten in der Fläche durch intakten Baumbestand und Totholz, einmalig und schützenswert. Hier geht es nicht um die Bebauung einer Brachfläche, sondern die Zerstörung eines intakten Schutzgebietes.

Besorgniserregend ist auch, dass es noch keine Lösung für die Gebietsentwässerung gibt und der Voisweg mit dem Schwarzen See und dem Schwarzbach in einem äußerst sensiblen Gewässerareal liegt.  Der Voisweg ist in den vergangenen Jahren bereits häufiger von Hochwasser betroffen gewesen. Dabei ist der Schwarzbach über die Ufer getreten; das Wasser hat Gärten überschwemmt ist teilweise bis auf Häuserhöhe angestiegen. Zu befürchten steht, dass Bauwasser in den Schwarzbach abgeleitet werden soll, womit Beeinträchtigungen der Wasserqualität und eine Gefährdung der gewässertypischen Artenvielfalt verbunden sein werden.

Fakt ist: Das derzeit geplante Bauprojekt ist in jeglicher Weise völlig überdimensioniert und wirft zahlreiche Fragen zur Massivität des Eingriffs in die Natur, zu den Umweltbelastungen in der Bauphase und zur Situation nach Vollendung des Vorhabens auf und ist im Planungsgebiet so nicht durchführ- und verantwortbar.

Die geplante Bebauung laut im Ratsinformationssystem der Stadt Ratingen zur Verfügung gestellten Unterlagen zur geplanten Bebauung (Quelle: Dr. Schmittmer & Co Immobilien KG, Krefeld)

Die Schaffung von Wohnraum ist wichtig, sie muss aber sozial und ökologisch ausgewogen sein und darf nicht zum Wohle weniger und zu Lasten vieler und erst recht nicht zu Lasten der nachfolgenden Generationen gehen. Die Gemeinwohlorientierung muss für Städte dabei ein wichtiger, wenn nicht höchster Maßstab sein – Klimaschutz und Klimaanpassung sind zweifelsfrei wichtige und existenzielle Bausteine einer Gemeinwohlorientierung.

Blick auf das unberührte Grundstück und die schmale Straße.

Machen wir uns nichts vor: Wir stecken mitten drin im Klimawandel und es besteht dringender Handlungsbedarf in Sachen Klimaschutz und Klimafolgenanpassung. Erschreckend ist, dass im Rahmen der Gemeinde-Ausschussberatungen zu diesem Projekt, viel über die erforderliche – und aus Sicht einiger zu geringe –  Anzahl von Parkplätzen oder eine Verbreiterung der Straße diskutiert wird (und damit eine zusätzliche (!) Versiegelung in Kauf genommen wird), sich aber – bis auf die Fraktionen der Grünen und Die Partei – niemand vorausschauend mit Fragen der zukünftigen Lebensverhältnisse in Ratingen angesichts des rasant voranschreitenden Klimawandels beschäftigt. Das ist fahrlässig und ignoriert den Handlungsdruck. Dabei liegt darin eine besondere Chance, denn weitsichtige Städte und Kommunen verbinden Umweltschutz, Lebensqualität, ökonomisches Wachstum und Innovation und stellen sich damit zukunftsfest auf.

Mit dem Bauprojekt am Voisweg geht die Stadt Ratingen leider den gegengesetzten Weg. Ratingen leistet (sich) einfach zu wenig in Sachen Klimaschutz und Klimaanpassung!


Für weitere Informationen zur Kritik am Projekt und der geplanten Petition können Sie die Anwohnergemeinschaft kontaktieren:

Für die Anwohnergemeinschaft am Voisweg:

Anja Surmann eMail: heimat07(at)web.de

Es wird außerdem darauf hingewiesen, dass Kritik am Projekt gegenüber den Vertreter*innen der Bürger*innen im Stadtrat geäußert werden kann, da dieser über Entscheidungen bezüglich des Bauvorhabens abstimmt:

Bündnis 90/DIE GRÜNEN: fraktion(at)gruene-ratingen.de
CDU: kontakt(at)cdu-ratingen.de
Die PARTEI: kontakt(at)diepartei-ratingen.de
SPD: info(a)spd-ratingen.de
FDP: partei(at)fdp-ratingen.de
BU Ratingen: info(at)buerger-union-ratingen.de

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