Urban Gardening – Was ist das, wo kommt das her und kann man das Essen?

Aktualisiert am von

Urban Gardening, urbaner Gartenbau und städtische Gemeinschaftsgärten bezeichnet den kleinräumigen Anbau und die gärtnerische Nutzung von Flächen in der Stadt. Man kann Urban Gadening auch als die Neuentdeckung des Alten bezeichnen: Die Stadt kann auch essbar sein – in Zukunft muss sie es wahrscheinlich auch wieder. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war der Lebensmittelanbau in der Stadt und der Bezug aus der unmittelbaren Umgebung normal. LKWs, gekühlte Lagerhallen und Kühlschränke gab es noch nicht. So wurden Obst und Gemüse in London dieser Zeit aus maximal 30 km Entfernung bezogen, vieles wurde in der Stadt selbst erzeugt. Noch bis Mitte des 20 Jahrhunderts galt es als normal, städtische Flächen mit Lebensmitteln für den Eigenbedarf zu bewirtschaften.

Die Technisierung und Verstädterung Ende des 19. Jhd./Anfang des 20. Jhd. sprengt mehr und mehr regionale Strukturen. Man spricht dabei von einer „Delokalisierung“. Durch geschlossene Kühlketten vergrößerte sich der Umkreis des Bezugs. Bier, Fleisch und Fisch waren die ersten Lebensmittelgruppen, die regionale Kreisläufe durchbrachen und in andere Regionen geliefert wurden. Von da an wurden Lieferketten überregionaler, globaler und zugleich immer anonymer. Produkteffizienz und Skaleneffekte (Die Produktionsmenge in Bezug zu den eingesetzten Produktionsmitteln) bestimmte von da an das Bild der Lebensmittelerzeugung. Wir bezeichnen sie heute als konventionelle Landwirtschaft und Großbetriebe wie Tönnies und Lidl. Ein Ergebnis dieser Wirtschaftsweisen ist der Rückgang bäuerlicher Strukturen in Deutschland. Gab es 1970 noch 1.146.900 Betriebe, die im Durchschnitt jeweils 11,1 ha Land bewirtschafteten, so sind es heute nur noch 285.000 Betriebe mit durchschnittlich 58,6 ha Land.

Zu Beginn dieser Entwicklung weigerte sich das Deutsche Kaiserreich mit einer rigorosen Abschottungspolitik, dem Trend zu folgen. Doch gleichzeitig mit dem deutschen „Wirtschaftswunder“ in den 1950ern und 1960ern Jahren wurde Deutschland Teil des globalen Lebensmittelhandels. Ein Küchengerät steht für die Versinnbildung der schönen neuen Welt: Der Kühlschrank. Heute so gut wie in jeder Küche. Ein Leben ohne ihn? Unvorstellbar. In Nordamerika schon in 1930ern in die Haushalte gekommen, dauerte es in Deutschland noch weitere 30 Jahre, doch seit den 1960er Jahren ist er fester Bestandteil jeder deutschen Küche und hatte vor allem eine Funktion: Der „globalen Kühlkette“ und deren Produkten einen Weg in unseren Haushalt ebnen. Es sind die Nahrungsmittel, die wir heute anonymisiert bei Aldi, Rewe und Co. erweben können, gespickt mit schönen Etikettenbildchen, um dem Verbraucher noch einen Hauch von Nähe zu Landwirtschaft, Wiese, Acker und Natur zu suggerieren.

Jedoch bleiben neben hocheffizienten Lieferketten und hochprofitablen Unternehmungen immer mehr Menschen, kleine und mittelgroße Unternehmungen und die Nahrungsmittelproduzenten selbst auf der Strecke. Hinzu kommt eine besorgniserregende Veränderung unserer Umwelt, unseres Planeten. Selbst die eigenen Kinder fangen jetzt an, für den Klimaschutz zu demonstrieren. Und in unserer Unfähigkeit gehen wir doch gleich am nächsten Tag zu Aldi, Lidl und Co. „Was soll der Einzelne schon bewirken?“, fragen wir uns.

Als kleiner Protest kann das Urban Gardening angesehen werden. Die Prinzessinnen Gärten in Berlin sind nicht nur ein Ort, wo Nahrungsmittel produziert werden, sondern ein sozialer Ort, wo mit diesem Anbau gegen das bestehende System protestiert wird. Wäre es doch viel einfach im Lidl, 350 Meter entfernt, einkaufen zu gehen. Urban Gardening ist also vielmehr als soziale Bewegung mit angeschlossener Lebensmittelproduktion anzusehen, die, wie so vieles, ihren Weg von Nordamerika nach Deutschland fand. Urban Gardening entstand in den 1970 Jahre durch die Counterculture-Bewegung und die Hippie Movement-Bewegung. Im Jahr 1973 eröffnete in New York der erste urbane Gemeinschaftsgarten. Dabei besetzten sozial und wirtschaftlich benachteiligte Menschen Brachflächen, um sie zu bepflanzen. Weitere Aspekte der Bewegung waren die zunehmende Ablehnung der Konformität der Lebensmittel, Kritik an der Ausbeutung des Ökosystems Erde, steigende Lebensmittelpreise sowie die Angst vor Pestizidrückständen in den Lebensmitteln. Es war und ist der Versuch der Wiedererlangung einer Ernährungssouveränität im städtischen Raum. Eine konkrete Mitbestimmung und Mitgestaltung dessen, was wir essen. Etwas, das wir längst verloren haben, die meisten gar nicht kennen. Sich vielleicht auch gar nicht vorstellen können.

Doch das eigene Gärtnern kann neben den Vorteilen für die Umwelt und der sozialen Interaktion auch einen ansehnlichen monetären Mehrwert bringen. Geld ist ja oftmals die beste Motivation, etwas zu ändern. Es wird geschätzt, das sich eine einzelne Person mit 70 Quadratmetern den jährlichen Eigenbedarf an Obst und Gemüse decken kann. In einer Studie des Umweltamtes des Landes Nordrhein-Westfalens (LANUV) soll der gewonnene Eigenbedarf bei Gemüse bei 34,7 % und bei Obst (ohne Südfrüchte) bei 51,9 % liegen. Eine Essener Untersuchung in Auftrag des LANUV ermittelte den saisonalen Selbstversorgungsgrad bei Gemüse und Kartoffeln mit 69,5 Prozent. Die „Zentrale Markt und Preisberichtstelle“ schätzt, dass circa 10 Prozent des in Deutschland verzehrten Gemüses aus gärtnerischer Eigenproduktion stammen. Im Rahmen einer „TAB-Studie (Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag) aus dem Jahr 2002 wurde geschätzt, dass die Gemüseproduktion aus Haus- und Kleingärten 25 Prozent der Gesamtgemüseernte ausmacht, wobei die Zahlen rückläufig sind. Der Landesverband der Kleingärtner im Rheinland konnte 2017 ermitteln, dass auf einer 321 Quadratmeter großen Kleingartenparzelle durch die Selbstversorgung mit Obst- und Gemüse 710 EUR eingespart werden konnten (BDG 2017). Jeder/jede der/die mehr über das Urban Gardening erfahren möchte, was es ist, was er oder sie leisten kann, wie Kommunen Projekte unterstützen können uvm., dem/der sei der Besuch auf dem Blog „speiseräume“ von Philipp Stierand empfohlen.

Auch wir möchten unserer gärtnerischen Fähigkeiten entdecken, erweitern und leckeres eigenes Obst und Gemüse ernten. Dazu werden wir in diesem Sommer den hauseigenen Gemeinschaftsgarten mit einem Hochbeet versehen, Tomatenpflanzen ziehen und uns am vertikalen Anbau mittels Brettern und Leitern versuchen. All das werden wir dokumentieren, Bauanleitungen ausprobieren und wenn es funktioniert, hier veröffentlichen und hoffentlich auch erste Ergebnisse in Form von leckerem Obst und Gemüse präsentieren. Gerade haben wir angefangen, unseren Tomaten einen guten Start in torffreier Anzuchterde zu geben. Wir freuen uns auf den Frühling!


Quellen:
BDG (2017): Markenzeichen Obst und Gemüse: Warum ein Kleingarten das Familienbudget entlastet;
Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e. V.; Berlin; URL: http://www.kleingarten-bund.de/de/bundesverband/positionspapiere/kleingarten-familienbudget/

BDG (2017): Markenzeichen Obst und Gemüse: Warum ein Kleingarten das Familienbudget entlastet;
Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e. V.; Berlin; URL: http://www.kleingarten-bund.de/de/bundesverband/positionspapiere/kleingarten-familienbudget/

LANUV (2001): Verzehrsstudie in Kleingärten im Rhein-Ruhrgebiet; Landesumweltamtes Nordrhein-
Westfalen; Essen; URL: https://www.lanuv.nrw.de/fileadmin/lanuvpubl/0_lua/malbo14_web.pdf

Norman Voigt (2018): Potenzialanalyse der Ernährungssouveränität Berlins unterEinbezug verschiedener Ernährungsszenarien und regionalerRaumgrößen; https://bit.ly/2H8Hbsm

Philipp Stierand (2014): Speiseräume – Ernährungswende beginnt in der Stadt; Verlag oekom;
München